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Fasching – Brauchtum oder gar Missbrauchtum?

In den Hauptrollen: Betrunkene Kinder. Kinder, die dermaßen viel Alkohol getrunken hatten, dass sie sich und andere schwer verletzten und zum Teil bis zur Ohnmacht getrunken haben. Sanitäter werden bespuckt, ein 17-Jähriger schlägt auf einen Erwachsenen ein und bricht ihm die Nase, eine erwachsene Frau sorgt für Alkohol-Nachschub. Wie kann das sein?

Das Jugendamt und das Staatl. Gesundheitsamt sehen es als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dem Alkoholmissbrauch entgegenzutreten. Denn: Die Promillewerte waren bei vielen dieser Kinder und Jugendlichen extrem hoch und besorgniserregend.

Verantwortungsvoller Umgang als Erziehungsaufgabe
„Das Unrechtsbewusstsein bei konsumierenden Jugendlichen sinkt immer weiter“, erklärt Rabea Daniel. Sie ist bei der Kommunalen Jugendarbeit des Landkreises Bad Kissingen für den Jugendschutz zuständig und stellt immer häufiger fest, dass das heimliche Trinken kaum noch vorkommt. Dagegen „saufen“ Jugendliche immer mehr in der Öffentlichkeit, was von dem persönlichen Umfeld wohl geduldet, zumindest zu selten sanktioniert wird. „Vermutlich aus Angst vor zu starker Begrenzung, als Spaßbremse zu gelten oder weil sie ein schlechtes Verhältnis zum Kind fürchten, werden seitens der Erziehungsberechtigten Freiheiten gewährt, mit denen die Jugendlichen nicht umzugehen gelernt haben“, stellt die Sozialpädagogin immer häufiger fest.
Dabei tragen Eltern eine große Verantwortung ihren Kindern gegenüber und sollten diese auch ernst nehmen. Auch die Vorbildfunktion, die Erwachsene haben, sei es im Umgang mit Alkohol, mit Regeln oder Ordnungskräften, wird oft verdrängt. Alkohol gehört zum gesellschaftlichen Leben dazu und den Umgang damit zu lernen, ist eine Aufgabe des Erwachsenwerdens. Hier sind die Erziehungsberechtigten in der Pflicht.

Verstehen statt Belehren
„Um das Phänomen Alkohol zu begreifen, muss man die mit Alkohol verbundenen Wirkungen kennen“, erklärt Rainer Müller vom Staatl. Gesundheitsamt Bad Kissingen. Als Reaktion auf das exzessive Trinkverhalten mehrerer Jugendlicher haben er und Rabea Daniel bereits 2008 das Projekt „ALKO-STOP“ auf den Weg gebracht. Bei diesen anonymen und kostenfreien Beratungsgesprächen geht es um den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol mit dem Ziel, eine Wiederholung zu vermeiden.
Natürlich spielt bei der Wirkung die Menge und die Stärke des Alkohols eine große Rolle. Generell ist neben den körperlichen Auswirkungen die Stimmung gelöst und gehoben, Hemmungen und Angstgefühle nehmen ab, das Knüpfen sozialer Kontakte fällt leichter, Regeln und Normen werden nicht mehr beachtet, die Risikobereitschaft steigt. Außerdem lässt die Kritikfähigkeit nach.
Harte Alkoholika wie Wodka, Rum und Gin – auch gemischt - fluten schneller und abrupter ins Gehirn, sodass die Wirkung oft schlagartig einsetzt. Die Folgen reichen von enthemmten Verhalten über scheinbare Glückseligkeit bis hin zu Aggression und Gewalt.
Das Jugendschutzgesetz regelt ausdrücklich, in welchem Alter Jugendliche Alkoholika konsumieren dürfen. Das Gesetz soll verhindern, dass unter 18-Jährige Spirituosen zu sich nehmen. Dass es dennoch dazu kommt, lässt sich nur dadurch erklären, dass Erwachsene bereit sind, für Jugendliche die Getränke zu kaufen oder ihnen diese zu überlassen. Auch wenn Betreiber sich an die strengen Vorgaben halten, können sie es doch nicht verhindern, wenn Erwachsene für Jugendliche den Alkohol zur Verfügung stellen.
Seien es Eltern, Geschwister, Freunde oder auch nur flüchtige Bekannte: Auf diese Art wird der Jugendschutz machtlos.

Es gibt Aufklärungsangebote
Die zurückliegende Faschingszeit und die bevorstehende „Open-Air-Party-Saison“ machen deutlich, wie extrem wichtig Aufklärungsarbeit ist.
Der Jugendschutz berät Veranstalter, Gewerbetreibende, Vereine, Eltern, pädagogische Fachkräfte und Mitarbeiter der offenen Jugendarbeit. Zudem regt der Arbeitskreis „Prävention“ Bad Kissingen, bei dem verschiedene Institutionen aus der Sucht- und Jugendarbeit mitwirken, mit seinen Projekten – vor allem „LUTSCH“ und „DEINE FREIZEIT OHNE DROGEN“ zur kritischen Auseinandersetzung mit Alkohol und anderen Suchtmitteln an. Auch „ALKO-STOP“ ist ein wichtiger Baustein.
Diese Maßnahmen zielen darauf ab, dass gemeinsame Feste wieder Ausdruck des gelebten Brauchtums und nicht Ausdruck der gelebten Ersten Hilfe sind.

 

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