Grüngitter-Projekt startet mit 1. Trägerversammlung

Für das Überleben der Menschheit ist die biologische Vielfalt unverzichtbar. Pflanzen, Tiere, Pilze und Mikroorganismen versorgen die Atmosphäre mit Sauerstoff, reinigen Wasser und Luft, speichern klimaschädliche Gase, sorgen für fruchtbare Böden und Nahrung, schützen vor Naturgefahren und versorgen die Gesellschaft mit Rohstoffen und lebenserhaltenden Medikamenten.

Sie sind damit die Basis für unser Leben und unsere Lebensgestaltung, für Arbeit, aber auch für Erholung und Tourismus, Vorbilder für die Architektur, technische Innovationen und vieles mehr. Die biologische Vielfalt hat neben dem ökologischen somit auch einen erheblichen sozialen und wirtschaftlichen Wert.

Doch die biologische Vielfalt ist in Gefahr. Darum hat der Landkreis Bad Kissingen das Projekt "Grüngitter" ins Leben gerufen. "Mit dem Grüngitter-Projekt wollen wir dem Rückgang der Artenvielfalt und dem Bienensterben entgegenwirken. In Kooperation mit Kommunen, Interessensgemeinschaften und Verbänden wollen wir uns dafür einsetzen, dass zum Beispiel mehr Blühflächen angelegt werden, sodass Tiere und Insekten Nahrung finden und einen Ort zum Leben haben", betont Landrat Thomas Bold, "Auch die Art der Flächenpflege ist entscheidend. Solche Themen wollen wir über das Projekt kommunizieren, denn auch der einzelne Bürger kann einen Beitrag zur Artenvielfalt leisten, indem er zum Beispiel seinen Rasen etwas höher wachsen lässt und ein Beet oder einen Topf mit Wildblumen anlegen.“

Kürzlich fand die 1. Trägerversammlung des Grüngitter-Projekts statt. Hierbei wurden organisatorische Dinge geklärt und Aufgaben verteilt. Als nächstes werden die teilnehmenden Kommunen geeignete Flächen ermitteln, diese kaufen oder pachten. Dann starten die Pflegemaßnahmen wie z.B. Renaturierung, insektenfreundliche Pflege, Förderung blühender Pflanzen, Erhöhung des Totholzanteils, Pflanzung insektenfreundlicher Bäume, usw. Schließlich steht das Monitoring an. Das heißt es wird gemessen und untersucht, was die Pflegemaßnahmen gemacht haben.    
Ein weiterer Baustein ist des Projekts ist die Öffentlichkeitsarbeit bzw. Marketing. Bürgerinnen und Bürger sollen über das Thema Artenvielfalt und Naturschutz informiert werden, sodass auch sie im Kleinen etwas zum Schutz der Umwelt beitragen können.

Hier finden Sie den Flyer zum Grüngitter-Projekt.

Projektgebiet und naturschutzfachliche Bedeutung    

Das Grüngitterprojekt umfasst eine Kulisse von etwa 734 km² und deckt damit etwa zwei Drittel der Fläche im Landkreis Bad Kissingen (KG) im Regierungsbezirk Unterfranken ab. Naturräumlich teilt sich das Gebiet auf der Linie Münnerstadt – Bad Kissingen – Hammelburg in die südlich bzw. südöstlich gelegenen naturräumlichen Untereinheiten „Saaletal“ und „Hochflächen der Südrhön“ und die naturräumlichen Untereinheiten der Mainfränkischen Platten „Wern-Lauer-Hochfläche“, „Wellenkalkgebiete der Wern-Lauer-Platte“, Keupergebiete im Grabfeldgau“ und „Hesselbacher Waldland“ im Norden und Nordwesten.  
 
Im Arten- und Biotopschutzprogramm (ABSP) für den Landkreis KG wurden aufgrund ihrer herausragenden und außerordentlich vielfältigen Arten- und Lebensraumausstattung die Trocken- und Halbtrockenrasen in Verbindung mit lichten Steppenheide-Kiefernwälder auf Muschelkalk und die Mittelwälder im Grabfeld als überregional bis landesweit bedeutsam eingestuft.

Hinzu kommen naturnahe Täler und Gewässer der Mittelgebirgsbäche (z. B. Schondra, Premich, Thulba) und extensiv genutzte Grünlandkomplexe v. a. im Norden der Projektgebietskulisse, die u. a. Lebensraum stark gefährdeter Wiesenbrüter sind. Ebenfalls von überregionaler bis bayernweiter Bedeutung sind die Ackerwildkrautfluren auf flachgründigen Kalkäckern. Eine Fülle vom Aussterben bedrohter und stark gefährdeter Arten wie Wildkatze, Braunkehlchen, Heidelerche, Schlingnatter, Kammmolch, Fetthennen-Bläuling, Heller Wiesenknopf-Ameisenbläuling, Italienische Schönschrecke, Rotflügelige Ödlandschrecke, Hirschkäfer, die Furchenbiene Lasioglossum sexnotatum, Kleine Spatzenzunge und Bienen-Ragwurz belegt die besondere naturschutzfachliche Bedeutung des Projektgebietes.    

Die wertvollsten Flächen sind als Schutzgebiete (NSG, Natura 2000-Gebiete) ausgewiesen. Dort befinden sich zahlreiche, auch größere Eigentumsflächen des Landkreises (ca. 250 ha) und mehrere Hundert ha Flächen im Besitz der Gemeinden und Verbände. Sie sollen zusammen mit den Gemeindeflächen die Basis für biodiversitätsfördernde Maßnahmen bilden.    

Handlungsbedarf und Zielsetzung    

Trotz oder gerade wegen der naturschutzfachlich wertvollen Lebensräume und Artvorkommen besteht im Projektgebiet ein dringender Handlungsbedarf diese zu erhalten und zu vernetzen und damit den gegenwärtigen Gefährdungen entgegenzuwirken.
Das Projekt zielt darauf ab, auf der ganzen Fläche aktiv zu werden und so den Biotopverbund auch in der „Normallandschaft“ zwischen den hochwertigen Schutzgebieten, größeren Biotopkomplexen und ökologisch bedeutsamen Wäldern zu entwickeln.    
Dabei soll auf Erfahrungen aus verschiedenen Vorgängerprojekten wie den LIFE-Projekten „Schwarze Berge“ und „MainMuschelkalk“, dem „Xerothermverbundprojekt Fränkische Saale-Lauer“ und dem „Biber-Projekt“ des Bund Naturschutz aufgebaut werden. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die LIFE+ „MainMuschelkalk“-Gebiete gelegt, um eine erfolgreiche After-LIFE-Phase sicherzustellen.     

Zielsetzung ist die natürliche und historisch entstandene Kulturlandschaft zu erhalten und weiterzuentwickeln. In den einzelnen Naturräumen soll die typische Vielfalt an Arten, Lebensräumen und Ökosystemen gefördert werden. Die Populationen der jeweiligen Arten sollen über eine genetische Vielfalt verfügen, um sich genetisch robust selbsterhaltend zu reproduzieren. Im Fokus stehen dabei die Leitarten(-gruppen) Rebhuhn, Steinkauz, Hautflügler/Schwerpunkt Wildbienen, Amphibien, Käfer, Schmetterlinge und Flora.

Die Landnutzer/-innen und Grundstückseigentümer/-innen, insbesondere Kommunen sollen bei der Bewirtschaftung ihrer Flächen besondere Rücksicht auf den Erhalt der Lebensgrundlagen und der Biodiversität nehmen. Die Verbraucher/-innen sollen die Bemühungen um den Erhalt der Lebensgrundlagen und der Biodiversität durch den Erwerb der regional erzeugten Produkte zu einem fairen Preis unterstützen. Verbände, Vereine und andere Fachressorts wie Land- und Wasserwirtschaft sollen eng in die Maßnahmenumsetzung integriert und unterstützend tätig werden.
Wo immer möglich bzw. ökologisch verträglich sollen Pflanzen und Tiere und die Landschaft für Bewohner und Besucher erlebbar sein. Die Bevölkerung, insbesondere die junge Generation soll umfassend über die Bedeutung der biologischen Vielfalt und die Notwendigkeit zu ihrem Erhalt informiert werden und nach Möglichkeit in die Maßnahmenumsetzung einbezogen werden.    

Hierzu sind folgende konkrete Ziele und Maßnahmenpakete vorgesehen:
• Projektmanagement zur Organisation und Abwicklung des Projektes
• Grunderwerb und ggf. langfristige Pacht zur Abrundung kommunaler Eigentumsflächen und zum Aufbau des Biotopverbundes
• Pflegemaßnahmen zum Erhalt und zur Förderung der Agrobiodiversität (z. B. Blühstreifen, Ackerwildkrautflächen, Hecken, Kleinstrukturen, Erweiterung Feldfrüchtesortiment)
• Optimierungsmaßnahmen im Grünlandbereich (z. B. naturschutzkonformer Maschineneinsatz, Heuproduktion, Belassen von Altgrasstreifen, Neophytenbekämpfung, später Mahdzeitpunkt)
• Optimierung und Renaturierung von Gewässern und Auen (z. B. Gewässerrandstreifen, Auenentwicklung, Anlage von Feuchtmulden)
• Förderung von naturschutzrelevanten Waldflächen (z. B. lichte Wälder, Mittelwälder, Totholzstrukturen) und Optimierung von Waldrändern
• Ausweitung von extensiven Weideflächen zur Pflege von Trockenstandorten
• Förderung der Biodiversität auf kommunalen Grünflächen und Schaffung von Klein- und Sonderstrukturen    
• Aufbau von Vermarktungsstrukturen bzw. Nutzung vorhandener Strukturen für regionale Naturschutzprodukte mit Unterstützung weiterer Partner aus der Wirtschaft sowie Anstoß von Folge-Projekten (z. B. LEADER)    
• Gezielte Öffentlichkeitsarbeit mit Fokus auf Jugendliche und Erwachsene mittleren Alters (z. B. Führungen, Zusammenarbeit mit Schulen i. R. von Projektwochen, Aktionen zur Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit, Naturerlebniswege)    
• Führungen, Schulungen und Workshops für interessierte Kommunen, Landwirte und politische Entscheidungsträger
• Monitoring und Erfolgskontrolle der Leitarten

Organisation und Finanzierung    

Zur Abwicklung des BayernNetzNatur-Projektes schließt sich der Landkreis Bad Kissingen, 18 Gemeinden und Städte im Landkreis, die Kreisgruppen KG von BUND Naturschutz und LANDESBUND für Vogelschutz, Jägerverein, bayer. Jagdschutz- und Jägerverband sowie der Landschaftspflegeverband KG e. V. zu einer Trägergemeinschaft zusammen.     
Die Federführung und finanzielle Abwicklung übernimmt der Landkreis KG.     

Als Entscheidungsgremium wird eine Lenkungsgruppe eingerichtet. Die Projektpartner übernehmen jeweils einzelne Aufgabenbereiche wie Öffentlichkeitsarbeit oder Monitoring. Das Projektmanagement wird i. R. eines Dienstleistungsvertrages beim Landkreis KG angestellt. Zusätzlich hat eine Vielzahl von weiteren Gemeinden, Vereinen, Verbänden und Fachstellen eine Unterstützung des Projektes zugesichert.    

Im Rahmen des beantragten Projektes sollen während der 5-jährigen Laufzeit (Juli 2018 bis Juni 2023) Kosten in Höhe von 1,4 Mio. € finanziert werden. Hierzu wurde eine Projektförderung beim Bayerischen Naturschutzfonds beantragt. Für eine Probelaufzeit von drei Jahren (Start: Oktober 2018) wurde eine Summe von 825.582€ genehmigt. Den Eigenanteil übernimmt die Trägergemeinschaft.    

Die vorgesehenen Naturschutzmaßnahmen werden – soweit möglich – mit Mitteln der Landschaftspflege- und Naturpark-Richtlinie (LNPR), über Agrarumweltmaßnahmen oder mit Mitteln der Wasserwirtschaft finanziert.    

Mittel- bis langfristige Perspektive    

Bereits bei der Vorbereitung des Projektes war eine breite gesellschaftliche Akzeptanz für das Grüngitter-Projekt erkennbar. Der Landkreis KG und die beteiligten Projektpartner haben großes Interesse am Gelingen und an einer Dauerhaftigkeit des Projektes. Mit dem Landschaftspflegverband KG besitzen sie auch entsprechende Strukturen und Kapazitäten um das Projekt auch nach Beendigung der Förderung weiterzuführen. Durch die Modellhaftigkeit ist langfristig sogar eine Ausweitung in die Nachbarlandkreise denkbar.
Um einen nachhaltigen Erfolg der Naturschutzmaßnahmen zu sichern und eine entsprechende positive öffentliche Wahrnehmung zu erreichen, werden Marketingkonzepte angestoßen und in Folgeprojekten weiterentwickelt.

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