Die Geschichte der Landkreispartnerschaft Tamar/ Israel - Bad Kissingen

Der Gedanke hinter der Landkreispartnerschaft war und ist folgender: Die Verflechtung beider Regionen und somit auch die Verbindung der Menschen soll mehr sein, als eine offizielle Partnerschaft zwischen zwei kommunalen Gebietskörperschaften. Sie soll gewissermaßen mit Leben gefüllt werden, Menschen zusammenbringen, Vorurteile abbauen, Freundschaften  und Verständnis füreinander fördern.
Fernbeziehungen sind aufgrund der Distanz offenkundig schwierig – darum wurde anfangs natürlich  hinterfragt, ob eine solche Verbindung auf Dauer funktionieren und aufrechterhalten werden kann, immerhin sollte die Landkreispartnerschaft nicht nur „pro forma“ auf dem Papier bestehen und dazu dienen, nach außen einen guten Eindruck zu machen.    
Inzwischen hat die Landkreispartnerschaft überzeugt und feiert in diesem Jahr 20-jähriges Jubiläum.

Doch werfen wir einen Blick zurück ins Jahr 1997: Die Startbedingungen – das sagte der damalige Landrat Neder geraderaus – waren auf den ersten Blick „eigentlich nicht ideal“, denn die beiden Landkreise sind hinsichtlich Geographie, Einwohnerzahl und Infrastruktur sehr verschieden. Der Landkreis Tamar umfasst z. B. mit 1.650 Quadratkilometern eine sehr große Fläche – im Vergleich zum Landkreis Bad Kissingen, der eine Fläche von 1.137 Quadratkilometer hat. Der Landkreis Tamar hat mit rund 2.300 Einwohnern im Verhältnis zu uns eine recht geringe Bevölkerungsdichte. Der Landkreis Bad Kissingen hat 103.106 Einwohner.       
Die Partnerschaft ist schon seit ihrer Gründung etwas Besonderes. Damals gab es nur wenige Landkreise in Bayern, die wiederum mit einem Landkreis in Israel eine solche Bindung eingingen. In der Regel sind es auch heute noch Städte und Gemeinden, die länderübergreifende Verbindungen besiegeln und pflegen.
Was die beiden Landkreise damals schon verband, waren die Themen  Fremdenverkehr und Gesundheitstourismus. Wie auch im Lkr. Bad Kissingen macht in Tamar der Kurbereich einen Großteil des Tourismusbetriebes aus. In die Region am Toten Meer kommen Kurgäste vor allem, um Hautkrankheiten zu behandeln. Doch auch die Schönheit der Oase Ein Gedi und das Rote Meer ziehen Urlauber in die Region.
 

Wie alles begann  

Aber nicht diese offensichtlichen Gemeinsamkeiten brachten Bad Kissingen und den Kibbuz (eine Art Siedlung) Ein Gedi zusammen, sondern Jahre zuvor der Zufall. 1980 erreichte den Kibbuz ein Brief aus Bad Kissingen, verfasst vom damaligen Jugendpfleger Günther Bender, zuständig für die Organisation eines Jugendaustauschs.
Das Schreiben übersetzen sollte Joske Ereli – ein gebürtiger Bad Kissinger, der 1938 als 17-Jähriger und noch unter seinem deutschen Namen Josef Ehrlich vor den Nationalsozialisten nach Palästina geflohen war. Joske war überrascht, Post aus seiner Geburtsstadt zu lesen. In dem Schreiben bestätigte eine Jugendgruppe aus Bad Kissingen einen dreiwöchigen Aufenthalt im Kibbuz im Sommer des Jahres und bedankte sich für die Aufnahme.
In Ein Gedi allerdings wusste bis dahin niemand von dem geplanten Besuch. Schließlich stellte sich heraus, dass die Kissinger Jugendlichen ursprünglich in einen anderen Kibbuz sollten, aber ein Mitarbeiter der Gewerkschaft in Tel Aviv, der aus Ein Gedi kam, die Gruppe dorthin eingeladen hatte – jedoch ohne weiteren Beteiligten Bescheid zu geben.       
Joske wurde also damit beauftragt, die Reisegruppe zu betreuen. Wieder Leute aus seiner Geburtsstadt zu treffen war für ihn etwas Besonderes. Darüber hinaus entwickelte sich  aus diesem ersten Besuch ein reger Kontakt mit Bad Kissingen. Joske Ereli besuchte bei seiner Tätigkeit (er arbeitete im Tourismusbüro von Ein Gedi) zweimal jährlich Deutschland und bei dieser Gelegenheit auch oft Bad Kissingen.

1991 kam der damalige Landrat Tamars, Yoav Givati, für einen Besuch nach Bad Kissingen. Bei einem Treffen sprachen die Landräte darüber, dass eine „Zusammenarbeit auf partnerschaftlicher Basis auf dem Sektor des Gesundheitstourismus“ für beide Regionen von Vorteil sein könnte. 1994 wurde davon berichtet, dass die beiden Landräte Überlegungen zu einer Partnerschaft anstellten.
Schon ein Jahr später fand erneut ein Jugendaustausch mit dem Landkreis Tamar statt. 1997 ging dann die Initiative für eine Partnerschaft zwischen den Landkreisen von Joske Ereli aus, den Landrat Neder in seiner Rede zur Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde als „unermüdlicher Motor für die Partnerschaft“ bezeichnete. Auch laut dem Partnerschaftsbeauftragten des Landkreises Bad Kissingen, Stefan Seufert, wäre die Partnerschaft ohne Joskes persönliche Freundschaften in Bad Kissingen und mit den Landräten nie zustande gekommen.  

Joske Ereli mit Freunden
V.l.: Landrat Thomas Bold, Dov Litvinoff, Joske Ereli, Altlandrat Herbert Neder

Am 26. Februar 1997 unterschrieben im Landratsamt Bad Kissingen schließlich die beiden Landräte Yoav Givati und Herbert Neder die Urkunde, die die Partnerschaft besiegelte. Darin wurde festgelegt, dass „die Partnerschaft das gegenseitige Verstehen und die Freundschaft zwischen den Bürgern des Landkreises Bad Kissingen und des Kreises Tamar fördern und so zur Verständigung beider Völker beitragen soll“. Im Mittelpunkt der Verbindung stehen somit neben freundschaftlichen Begegnungen der Austausch von Schülern und Jugendlichen sowie „die gegenseitige Förderung des Tourismus" zwischen den beiden Landkreisen.

Facettenreiche Verbindung      

Die Partnerschaft der beiden Landkreise drückt sich seither auf mehreren Ebenen aus: Einen Teil macht der Jugendaustausch aus, der vom Kreisjugendring (KJR) Bad Kissingen organisiert und vom Landkreis unterstützt wird. Zudem nehmen am jährlich stattfindenden Friedenslauf am Toten Meer auch Sportler aus der Rhön teil.  
Der Kreis hat sich über die Jahre darum bemüht, den Kontakt zwischen Israel und Bad Kissingen zu festigen und zu fördern. Ein Jahr nach Gründung der Partnerschaft nahm eine Gruppe von Kreisräten mit Landrat Neder an einer internationalen Konferenz der Partnerstädte in Jerusalem zum 50-jährigen Bestehen des Staates Israel teil. Außerdem setzte sich das Landratsamt für internationale Wirtschaftsbeziehungen in Tamar ein, und regte auch zur Kontaktaufnahme in den Bereichen Bildung und Ausbildung an.         

Hauptsächlich lebt die Partnerschaft aber von persönlichen Kontakten. Seit dem Gründungsjahr besuchen immer wieder Gruppen aus den jeweiligen Landkreisen das Partnerland.  
Seit 1999 nehmen zudem immer wieder Sportlergruppen aus dem Lkr. Bad Kissingen am Friedenslauf – ein Halbmarathon, ausgerichtet vom Landkreis Tamar – teil. Ziel der Veranstaltung:  über politische, religiöse und kulturelle Grenzen hinweg ein sportliches Zeichen für Frieden und Toleranz setzen.      
Im selben Jahr wurde die in der Partnerschaftsurkunde festgelegte „Förderung des Tourismus‘“ durch eine Informationstour in der Region Tamar umgesetzt.
Seither gab es unzählige Besuche von beiden Seiten. Die verschiedensten Gruppierungen machten sich auf, die weit entfernten Partner zu besuchen: Musiker, Sänger, Tänzer, Lokalpolitiker, Vertreter aus den Bereichen Wirtschaft und Tourismus, und natürlich die Jugendlichen des Austauschprogramms. Einige Male konnten die Besuche aber nicht stattfinden. Der Grund: Die politische Lage in Israel, die beispielsweise in den Jahren 2000 und 2004 zu viele der Bad Kissinger Bürger beunruhigte.  
        
Faszinierender Blick in die Wüste am Mount Zeruya
Faszinierender Blick in die Wüste am Mount Zeruya

2002 fanden erstmals die jüdischen Kulturtage in Bad Kissingen statt. Der Partnerlandkreis beteiligte sich an der Programmgestaltung, Tänzer und Sänger traten auf. Da die Veranstaltungen großen Anklang fanden, wurde die Reihe fortgesetzt.
 

Joske Erelis Vermächtnis          

Dass die Partnerschaft zwischen den beiden Landkreisen eine große Bedeutung hat, wurde deutlich, als eine kleine Delegation – Landrat Thomas Bold, inzwischen Altlandrat Herbert Neder sowie Stefan Seufert – im August 2005 nach Tamar reisten, um an der Trauerfeier für Altlandrat Yoav Givati, der einst mit Herbert Neder die Partnerschaft gegründet hatte, teilzunehmen.    

2007 feierte die Partnerschaft ihr erstes rundes Jubiläum. Zum Zehnjährigen fuhren Kreistagsmitglieder, Stadträte und Sportler nach Tamar. Dort nahmen sie am Friedenslauf teil und feierten die freundschaftlichen Bande, die in den vergangenen zehn Jahren entstanden waren. Außerdem wurde Joske Ereli zum „Ehrenvorsitzenden der Partnerschaft“ ernannt. 2009 wurde er zudem mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.           
Als er fünf Jahre später – im November 2014 – im Alter von 93 Jahren starb, trauerte man auch im Landkreis Bad Kissingen. „Ich fand es beeindruckend, dass er seinen Frieden mit nach Bad Kissingen gebracht hat“, sagte Landrat Thomas Bold anlässlich dieses Verlusts. Zusammen mit einer Delegation aus dem Landkreis reiste er zur Beisetzung nach Israel, um Joske die letzte Ehre zu erweisen. „Er ist ein Vorbild und es ist unsere Aufgabe, sein Vermächtnis im Sinne der Partnerschaft zu bewahren“, würdigte Bold die Verdienste Erelis.

Joskes Vermächtnis – dazu gehört auch der Umgang mit der Vergangenheit. Schon zu Beginn der Partnerschaft betonte der damalige Landrat Neder dessen große Bedeutung für das Verhältnis der beiden Landkreise. Hierzu, betonte Neder, sei es nötig, ein klares Wort zu finden. „Es gehört zu einer unserer wichtigsten Aufgaben dieses immer wieder neu auszusprechen, um damit das Bewusstsein aller Generationen zu schärfen. Was zu selbstverständlich wird, wird in seiner Bedeutung und Tragweite nicht mehr gewürdigt“, erklärte er. „Das ‚nie wieder‘ verlangt das ‚sich erinnern‘, Verantwortungsbewusstsein, Anstand und Bürgermut“, erklärte er weiter.
Um die Vergangenheit aufzuarbeiten, junge und künftige Generationen über die Verbrechen während der NS-Zeit zu informieren, stehen bei vielen der Reisen unter anderem auch Besuche von Holocaust-Gedenkstätten und ehemaligen Konzentrationslagern, aber auch von Stätten der jüdischen Geschichte und Kultur auf dem Programm.         
 

Die Landräte Thomas Bold und Don Litvinoff (2)
Die Landräte Thomas Bold und Dov Litvinoff

Noch heute ist der Kontakt der beiden Regionen eng. Das diesjährige 20-jährige Jubiläum wird darum besonders gewürdigt. Hierfür stehen noch bis Ende des Jahres viele Veranstaltungen im Rahmen der jüdischen Kulturtage auf dem Programm.

Für die persönlichen Begegnungen ist auch gesorgt: Der Landkreis fährt vom 15. bis 25. Oktober mit einer Delegation nach Israel – um alten Weggefährten und neuen Freunden die Hand zu reichen.

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